War was?

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Vor drei Jahren fand in Fukushima eine Atom-Katastrophe statt, deren Ausmaße bis heute nicht abzusehen sind. Jetzt, zum Jahrestag, gibt es eine Menge Berichte in den Medien. Das leise Grundrauschen wird kurzzeitig stärker, Passagen wie „noch immer nicht unter Kontrolle“ oder „300.000 Liter verseuchtes Wasser täglich fließen in den Pazifik“ bleiben kurz hängen, um dann sofort wieder vergessen zu werden. Wir können uns zurücklehnen. Wir haben ja die Energiewende.

(Beitrag im Deutschlandradio zum Fukushima-Jahrestag.)

„Stell Dir vor, es gibt Krieg und keiner geht hin“ haben wir früher auf Jute-Taschen gelesen. „Stell Dir vor, man zerstört die Welt und keinen interessiert’s“ wäre das Pendant unserer Zeit. Wie ist das möglich? Dass nichts mehr wirklich eine Bedeutung zu haben scheint? Wie kann es sein, dass es einmal Menschen gab, die demonstrierten, lauthals und sichtbar – und dass ernste Bedrohungen heute dagegen keine Rolle mehr spielen? Dass die Aggressivität und Gründlichkeit, mit der sich starke Kräfte ans Werk machen, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu pulverisieren, gar nicht mehr wahrgenommen werden? Bienensterben, Patente auf Grundnahrungsmittel, genetisch für immer veränderte Lebensmittel, gestohlenes und verkauftes Grundwasser, gründliche Überwachung und eben ein Unternehmen wie Tepco in Japan, das gerade neue Atomkraftwerke plant – wie ist das möglich, dass nicht jeden Tag Tausende durch die Straßen ziehen, die laut dagegen anbrüllen?

Ich gehöre einer Generation an, die mit Bedrohungen aufgewachsen ist. Ich bin Generation Reagan, SDI, NATO-Doppelbeschluss, Ölkrise, Volkszählung, Gorleben, Waldsterben, Tschernobyl. „The day after“, “Wenn der Wind weht”. Meine Freunde und ich waren der festen Überzeugung, nicht alt zu werden. Das atomare Wettrüsten, der Gedanke an „das rote Telefon“ oder den „roten Knopf“ hat uns geprägt. Wir waren der festen Überzeugung, dass Europa der Schauplatz eines alles zerstörenden Atomkriegs sein würde, das prägte unser Lebensgefühl. Wir hatten Angst und lasen Brecht und Tucholsky. Wir waren auch der Überzeugung, der Wald würde sich nicht mehr erholen, dass es ihm nicht gut ging, war tatsächlich überall zu sehen.

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Wir dachten, wir müssten noch einmal richtig feiern, lang würde das alles nicht mehr gut gehen. Vor einem Jahr entdeckte ich in Blogger Felix Schwenzel auf der re:publica einen Bruder im Geiste – wir kannten uns nicht, aber er hat das Lebensgefühl seiner Jugend genauso empfunden wie ich.

Und dann wurde alles anders. Der Wald erholte sich, niemand drückte auf einen roten Knopf, Deutschland wurde eins (absurd!), die Grünen regierten mit und wurden in weiten Teilen genauso dick und bräsig wie die anderen auch. Die Welt änderte sich sehr. Alte Bedrohungen wurden vergessen oder durch neue ersetzt. Die Katastrophendichte schwoll an und wir wussten nicht mehr, wo wir hinsehen sollten. Zuviel Terror, zu viele Krisen, Umweltkatastrophen und Tote in den Nachrichten. Das versendet sich mit der Zeit.

Außerdem haben wir eine Lektion gelernt: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Oder wie der Kölner sagt: „Et hät noch emmer joot jejange“. Wir brauchten diese trügerische Zuversicht, um uns dem Schönen zuwenden zu können. Unserem privaten Glück, auf das wir doch ein Recht zu haben glauben. Wie eng das private Glück unserer Nachfahren mit dem verknüpft ist, was uns heute großflächig am Hintern vorbeirauscht, das wollen wir nicht sehen. Wir denken, das wird sich schon alles wieder einrenken. Der Atomkrieg kam nicht, warum sollte also der Klimawandel kommen? Das Waldsterben kam nicht, ist die Bedrohung in Fukushima wirklich so schlimm?

Meine Generation, das sind die 40 – 50-jährigen. Sie stellen den prozentual größten Anteil der Bevölkerung in Deutschland. Sie sind etabliert in ihren Berufen, sitzen in guten Positionen, haben Einfluss. Sie können nicht glauben, dass der Welt wirklich einmal etwas Schlimmes widerfährt, schließlich haben sie alles überlebt und es ist ihnen immer gut gegangen. Und jetzt kommt sogar der Atomausstieg.

Damit wir nicht doch noch auf den dummen Gedanken kommen, man müsste ernsthaft etwas verändern, kackt man uns zu. Mit Guttenberg, Wulff, dem ADAC, Hoeneß oder wie auch immer die Figuren im Kasperletheater der Zerstreuung heißen mögen. Als hätte all das eine Bedeutung für uns, für unser Leben. Als ginge es nicht darum, Kräften auf die Finger zu hauen, die längst die Herrschaft über uns übernommen haben. Aber im Gegensatz zu früher können wir die Bedrohung nicht mehr greifen. Doch dass wir an das Gute glauben, darf nicht dazu führen, dass wir das Böse nicht mehr sehen wollen. Ich wünsche mir mal wieder eine fette, unübersehbare Demo. Und wieder und wieder. Bis irgendjemand merkt, dass wir aufgewacht sind.

1 Kommentar

  1. Da war ich schon drauf und dran, einen Link zur Fukushima Doku in der ZDF Mediathek zu posten. Durchaus sehenswert, wie ich fand. Dies hinterlässt nun aber durchaus den tumben Eindruck sich damit nur erneut der medialen Berieslung hinzugeben, anstatt wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Sich aufregen und echauffieren ist ja so einfach und doch auch befriedigend, schließlich ist man dadurch ja einer von den Guten, nicht wahr?

    Danke für den ehrlichen Appell!

    Nils

    PS: Wer jetzt geneigt ist nach Hoeneß zu schauen, klickt vielleicht doch lieber hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2106374/Die-Fukushima-L%C3%BCge ;)

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