Die North Face Challenge, Teil 1

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Immer mehr Hersteller von Sportbekleidung fühlen sich der Nachhaltigkeit verpflichtet. Das sagen sie zumindest. North Face sagt das auch.

Auf der Webseite des Herstellers kann man nachlesen, was North Face darunter versteht: höchste Qualität, und haltbare Produkte, die ein Leben lang benutzbar sein sollen. Allerdings bin ich mir mit einem Verkäufer im offiziellen North Face Store in Frankfurt nicht ganz einig, was darunter zu verstehen ist.

Ich bin Besitzerin einiger North Face Produkte, früher hätte ich mal geschrieben “stolze Besitzerin”, aber das stimmt seit einiger Zeit nicht mehr. Schuld daran ist eine Regenjacke. Ein “Venture Jacket” aus der “Flight Series”, dahinter verbirgt sich eine besonders leichte, klein zusammenfaltbare Jacke, die ich im Herbst 2007 kaufte.

Ihre wasserfesten Eigenschaften verdankt sie nicht einer Membran, sondern einer PU-Beschichtung, der so genannten “Hyvent” Beschichtung. Kenner wissen, dass das die zweitbeste (aber auch nicht ganz so teure) Lösung ist, eine gute Membran ist unschlagbar, besonders in Bezug auf die Atmungsaktivität. Unter der Hyvent-Beschichtung wurde es dagegen schnell ziemlich schwitzig, bei einem Sommerregen klebte die Jacke unangenehm auf der Haut. Auch der Schnitt behagte mir nicht besonders, das Damenmodell, das ich besitze, ist vorn sehr kurz geschnitten. Im Laden ist mir das nicht so aufgefallen, aber bald merkte ich, dass etliche Strickjacken und Shirts darunter hervorschauen. Das Venture Jacket wurde also im ersten Jahr nach der Anschaffung noch tapfer getragen (die Jacke hatte schließlich 160,- Euro gekostet), verschwand dann aber im Schrank und wurde nur selten hervorgeholt. Im letzten Jahr war die Jacke vielleicht 10 mal im Einsatz. Nie war die Jacke auf einer Bergtour oder sonst größeren Herausforderungen ausgesetzt. Ich hatte sie zum Radfahren angeschafft, als zuverlässige Regenjacke, die man auch mal in eine Handtasche packen kann. Die Jacke ist schwarz, das Design keinerlei Moden unterworfen. Man könnte sie ewig tragen.

Vor zwei Jahren bemerkte ich, dass die Beschichtung im Nackenbereich unter der Kapuze Blasen warf und sich löste. Da ich die Jacke so selten trug, habe ich kaum hingesehen und den Fehler schnell wieder vergessen. Letztes Jahr riss die Beschichtung an dieser Stelle ein und die ersten Fetzchen lösten sich ganz. Da wusste ich schon, dass die letzten Stündlein des Venture Jackets geschlagen hatten, denn ohne Beschichtung im Nackenbereich ist die Jacke unbrauchbar. Als ich die Jacke in dieser Frühjahr-/Sommersaison aus dem Schrank holte, bröselte mir die Beschichtung förmlich entgegen, sie löste sich ganz von selbst. Da habe ich mir die Sache mal näher angesehen. Überall haftete die Beschichtung wie sie sollte, nur nicht im Nackenbereich, wo ein anderer Stretchstoff verwendet wurde. Es war offensichtlich, dass der Stoff und die Beschichtung sich nicht vertrugen, sie klebte hier einfach nicht. Ein Herstellungsfehler, der nicht zum Bekenntnis zur Nachhaltigkeit passt.

Ich bin keine große Umtauscherin oder Reklamiererin, es ist mir peinlich, in einem Laden vorzusprechen und ich befürchte immer, abzublitzen, selbst, wenn ich im Recht bin. Doch dieses Mal geht es nicht nur um einen Produktmangel. Es geht um das Versprechen von “High Quality” und “Durable Products that last a lifetime”. Es geht um dieses ganze Nachhaltigkeitsgeschwurbel, diese endlosen Versprechen, die auf unzähligen Webseiten heruntergebetet werden. Es geht um eine Jacke, die aus Erdöl hergestellt ist, ein Ausrüstungsgegenstand, der teuer war und ich bin nicht mehr gewillt, diese Art Verschwendung von Ressourcen und Geld hinzunehmen. Also gehe ich zum North Face Store. Ich trage eine North Face Daunenweste, damit man im Laden sieht, dass ich mich der Marke bislang verbunden fühlte und nicht zufällig ein Schnäppchen im Internet geschossen habe. Ich will, dass man mich als North Face Kundin ernst nimmt.

Der Verkäufer ist bestimmt ein netter Mensch, gibt sich aber große Mühe, es zu verbergen. Als erstes schaut er sich die Jacke an und sagt: “Ja, das Problem ist bekannt.”. Als zweites fragt er nach meinem Bon (den ich nicht habe). Als drittes sieht er sich das Etikett in der Jacke an, entdeckt eine Jahreszahl und schaut mich danach fassungslos an. “Die Jacke ist FÜNF Jahre alt!” sagt er und schüttelt den Kopf. Er erklärt mir, dass es vollkommen sinnlos sei, eine fünf Jahre alte Jacke einzuschicken. Ich versuche, meinen Standpunkt deutlich zu machen. Dass es sich hier nicht um ein Problem von üblichem Verschleiß handelt, dass die Jacke (wie leicht zu erkennen ist) sehr pfleglich behandelt wurde und dass sie obendrein sehr selten getragen wurde und die meiste Zeit im Schrank hing. “Sowas” sagt der Verkäufer und deutet auf die in Fetzen hängende Beschichtung “kommt nicht vom im Schrank hängen!” Aha. Damit ist ja alles geklärt. Erstens: Ich sage die Unwahrheit. Zweitens: Irgendetwas werde ich ja wohl mit der Jacke angestellt haben, damit sie so aussieht. Meine Schuld, also. Ich frage mich noch, wie der unvorsichtig geäußerte Satz “Das Problem ist bekannt” dazu passt, während der Verkäufer widerwillig und schlecht gelaunt meine Daten aufnimmt. “Mir ist das alles egal” sagt er noch und “Ich hab ja keinen Einfluss drauf” und es klingt, als würde er, hätte er Einfluss drauf, die Jacke auf gar keinen Fall umtauschen.

Ich gehe wütend aus dem Laden. Weil man mir bedeutete, dass es verrückt ist von mir zu glauben, eine selten getragene Jacke für 160,- müsste länger als drei Jahre halten. Ich bin wütend, weil hier jemand nicht nur unprofessionell und unfreundlich war, sondern auch den Schuss nicht gehört hat. Den Schuss, der das Ende der Wegwerfgesellschaft, das Ende des fortwährenden Kaufens und wieder Ausmusterns von Kunstfaserprodukten bedeutet. Ich würde mir wünschen, er würde auch das Ende der leeren Versprechen von Nachhaltigkeit bedeuten. In zwei bis drei Wochen soll es Bescheid geben, wie North Face in dieser Sache entscheidet. Ich halte euch dann in “Teil 2″ auf dem Laufenden.

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