Nachhaltig nachrangig? Laufbekleidung auf dem Prüfstand.

© Paul Prescott - shutterstock.com

Läufer sind im Herzen immer Läufer. Nur ausgerechnet dann, wenn sie sich ein paar neue Laufklamotten gönnen wollen, werden sie zu Verbrauchern. Und damit zu Wesen, auf denen viele Erwartungen ruhen. Vor allem eines soll der Verbraucher seit jeher tun: Verbrauchen, also die Dinge möglichst schnell abnutzen oder aufbrauchen. Wäre es anders, würde es ja „Gebraucher“ heißen. Bereits in diesem Begriff steckt also der erste Widerspruch zur Nachhaltigkeit. Die aber ist das Gebot der Stunde. Nicht, weil es uns Marketingstrategen erzählen, sondern, weil es um den Schutz der Umwelt und das Leben von Menschen geht. Im April vergangenen Jahres stürzte ein Textilfabrikgebäude in Bangladesch ein, ein Unglück mit der Bilanz von über 1.100 Toten und hunderten von Schwerverletzten. Bis heute haben sich die Arbeitsbedingungen kaum verbessert. Seither musste der sogenannte Verbraucher aber viel Schelte einstecken. An allem sei nur er Schuld, ätzten manche Medien und Hersteller, schließlich wolle er es immer billiger, das erhöhe den Druck und dann käme es eben zu so etwas. Doch auf komplexe Fragen gibt es keine einfachen Antworten und die Schuldfrage hilft nicht weiter. Im Fall der Laufkleidung beginnt die Suche nach Nachhaltigkeit ohnehin noch weit vor der Frage nach dem Preis.

Das Material – ganz schön unöko.

Voll retro: Die Baumwollklamotten, mit denen Kathrine Switzer 1967 in Boston antrat, tut sich heute niemand mehr an.

Voll retro: Die Baumwollklamotten, mit denen Kathrine Switzer 1967 in Boston antrat, tut sich heute niemand mehr an.

„Ich möchte diese Funktionshose zurückgeben, sie funktioniert nicht. Ich habe nicht einmal den Knopf zum Einschalten gefunden.“, so macht sich der Kabarettist Jochen Malmsheimer über den Begriff der Funktionskleidung lustig. Dabei erwarten Läufer heute tatsächlich, dass ihre Kleidung aus High Tech Materialien besteht, die „funktionieren“. Sie sollen den Schweiß von der Haut wegleiten, den Körper trocken halten, je nach Bedarf wärmen oder kühlen und bitte niemals nach Schweiß riechen. Jacken sollten am besten vollkommen wasserundurchlässig sein – natürlich nur von außen nach innen. Andersherum soll die Membran funktionieren wie ein Dampfbügeleisen. Es ist offensichtlich, dass Baumwolle das nicht leisten kann. Funktionsmaterialien sind aus Kunstfasern hergestellt. Das bedeutet, aus Erdöl und damit aus endlichen Ressourcen. Oder anders gesagt: Sportbekleidung ist per se nicht besonders nachhaltig. Umso größer wird in Zukunft die Bedeutung des Recyclings sein. Immer häufiger kommt Laufbekleidung aus Recyclingmaterialien auf den Markt, z.B. die Green Fee Serie von thoni mara. Die Wiederverwendung von Materialien scheint derzeit ein größeres Potential zu haben als alternative Textilien wie etwa solche aus Bambus, die zwar aus schnell nachwachsenden Rohstoffen bestehen, aber im Herstellungsprozess für die Zerfaserung wieder Chemikalien benötigen. Auch Fasern, die aus Milcheiweiß und damit aus Abfallprodukten der Milchherstellung gewonnen werden, sind kaum für Textilien in großen Stückzahlen geeignet. Außerdem „funktionieren“ sie nicht so gut wie Kunstfasern.

Die Ausrüstung – Stoff allein genügt nicht.

© ITALO - shutterstock.com

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Bevor uns Laufbekleidung ausrüsten kann, muss sie erst einmal selbst ausgerüstet werden. Kritisch zu sehen ist die antibakterielle Ausrüstung, die oft durch einen ganzen Cocktail umstrittener Substanzen zustande kommt. Die bekannteste ist Triclosan, die auch nützliche Hautbakterien angreift. In Tierversuchen wirkt Triclosan muskelschädigend; obendrein reichert sich die Chemikalie in Gewässern an. Doch auch das vermeintlich natürliche „Nanosilber“, häufig anzutreffen in Sportsocken, ist fragwürdig. Sowohl das Bundesinstitut für Risikoforschung als auch das Umweltbundesamt raten vom Einsatz von Nanosilber in Gegenständen des täglichen Bedarfs ab. Es ist ungeklärt, ob Nanopartikel ausgewaschen werden können und so in die Umwelt geraten. Eine Studie des BUND warnt zudem eindringlich vor dem Risiko, dass Nanosilber in den Blutkreislauf gerät, was beispielsweise durch wund gelaufene Füße geschehen könnte: „Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass ernste gesundheitliche Konsequenzen, wie zum Beispiel Lungen- und Leberschäden, mit der Aufnahme von Nanosilber verbunden sein können.“ Hier könnten wir uns fragen, welchen Preis wir dafür zahlen wollen, dass eine Laufsocke nach Gebrauch nicht müffelt. Auch die Wasserdichtigkeit von Jacken und Westen fordert oft einen Tribut. Imprägnierungen enthalten oft perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien (PFCs), die krebserregend sind und über die Gewässer in die Umwelt gelangen. Solche Beschichtungen waschen sich aus, schon nach wenigen Wäschen kann man feststellen, dass Regentropfen nicht mehr so hübsch abperlen. Ist es dann etwa Zeit, die Jacke wegzuwerfen? Oder ist sie jetzt in Wahrheit nicht genauso einsatzfähig wie vorher? Könnte man dann auf die Imprägnierung nicht gleich verzichten? PFCs werden auch eingesetzt, um eine besonders leistungsfähige und beliebte Membran herzustellen, die durch eine PFTE-Schicht (Teflon) zustande kommt. Und wieder könnte sich der Läufer fragen: Muss ich für eine Runde im Park ausgestattet sein wie für eine Tour auf den Kilimandscharo?

Made in Bangladesh.

© Paul Prescott - shutterstock.com

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Durch die Berichterstattung nach dem Fabrikeinsturz in Dhaka konnte man den Eindruck gewinnen, dass in den sogenannten Billiglohnländern in Asien keine menschenwürdige Produktion möglich ist, Preisdruck und Korruption die Einführung von Mindeststandards dauerhaft verhindern. Oft, so mussten wir lernen, wissen nicht einmal die ursprünglichen Auftraggeber im Westen, was genau vor Ort in den Fabriken vor sich geht. Wie kann es da der Verbraucher wissen? Doch der Druck auf die großen Markenartikler ist gestiegen. Niemand kann und will sich noch vor der Verantwortung drücken. Puma, ein Unternehmen, das bereits den eigenen negativen Einfluss auf die Umwelt detailliert beziffern lässt, hat sich dem sogenannten Bangladesch-Abkommen verpflichtet, das von der Clean Clothes Campaign vorangetrieben wird und die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern soll. Nike verfolgt eine eigene Roadmap bis zum Jahr 2020, um Umwelt- und Arbeitsbedingungen der Produktion zu verbessern, Adidas und Reebok haben ihre Überwachungen der Betriebe intensiviert und durch unabhängige Kontrollen ergänzt, Maier Sports und Odlo sind Mitglieder der Fair Wear Foundation, die ihren Marken strenge Auflagen macht und so fort. Und doch: Die Unsicherheit bleibt. Aber auch Hoffnung für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Asien, die auf Aufträge der großen Marken dringend angewiesen sind. Und damit auch auf uns Verbraucher.

Made in Germany.

Handarbeit in Deutschland für KOSSMANN Laufdesign

Handarbeit in Deutschland für KOSSMANN Laufdesign

Wer echte Alternativen sucht, kann sie finden. Es gibt zeitgemäße Laufbekleidung, die garantiert unter fairen Bedingungen hergestellt wird und deren Hersteller es mit der Nachhaltigkeit besonders genau nehmen. André Kossmann, Gründer der Marke KOSSMANN Laufdesign, ging es vor allem um Qualität, als er sich beim Unternehmensstart entschloss, ausschließlich in Deutschland zu produzieren und auch die Textilien nur von deutschen und europäischen Lieferanten zu beziehen. Die kürzeren Wege führen nicht nur zu einer besseren CO2-Bilanz, sondern auch zu einer engeren Zusammenarbeit mit den Partnern, was der Qualität zu Gute kommt. „Arbeitsschritte, die hier sorgfältig von Hand gemacht werden, übernimmt in Asien die Maschine. Das ist ein Unterschied.“, so André Kossmann, der selbst einmal Leistungssportler war. Auch Christian Schwab, Geschäftsführer von thoni mara, ist selbst Läufer. Die bunten Shirts der kleinen Kultmarke sind längst kein Geheimtipp mehr. Die Produktion erfolgt in Deutschland, auch die Garne stammen von hier. Kossmann und Schwab sind davon überzeugt, dass langlebiger und hochwertiger Bekleidung die Zukunft gehört. Kossmann bietet sogar einen Reparatur-Service an „falls tatsächlich mal ein Reißverschluss kaputt gehen sollte, was aber so gut wie nie vorkommt.“ Inzwischen folgen auch Neugründungen dem Beispiel der Pioniere, wie z.B. das Label Ladyworks, das mit einfachen Tanktops startete und immer mehr Kleidungsstücke für Läufer anbietet. Preislich liegt „Made in Germany“ übrigens oft nur 10 Prozent über der asiatischen Ware. Womit wir zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Die Preisfrage.

Es stimmt: die Entscheidung, was ihm Nachhaltigkeit wert ist, liegt beim Verbraucher. Und sie ist nicht leicht zu treffen, da „teurer“ nicht mit „besser“ gleichzusetzen ist. Aber eines ist auch klar: Bei einer Laufjacke für regulär 19,90 Euro geht die Wahrscheinlichkeit einer fairen Produktion, einer sorgfältigen Herstellung und der Verwendung von hochwertigen Reißverschlüssen gegen Null. Es ist nicht verwerflich, zu Discounterware zu greifen, wenn das eigene Budget mehr einfach nicht zulässt. Aber es ist bedenklich, die dritte und vierte Laufjacke mal eben so mitzunehmen, weil man „für diesen Preis nichts falsch machen kann.“ Man kann. Kurzlebige Bekleidung belastet die Umwelt und unterstützt Strukturen, die alles andere als nachhaltig sind. Wer dagegen bewusst kaufen möchte, sollte auch den kleinen Laufladen um die Ecke nicht vergessen. Denn nachhaltig handeln heißt auch: Läden unterstützen, die ihre Waren mit Wissen und Leidenschaft verkaufen und die dazu beitragen, dass unsere Innenstädte nicht in Gesichtslosigkeit veröden. Nein, leicht haben wir es nicht, wir Verbraucher. Aber so, wie sich die Hersteller sich auf den Weg gemacht haben, um besser zu werden, so sollten wir es auch tun. Vielleicht fangen wir einfach damit an, uns nicht mehr als Ver- sondern als Gebraucher zu verstehen.

4 Tipps für mehr Nachhaltigkeit

* Informieren: Was tun eure Lieblingshersteller, um nachhaltiger zu werden? Lest Umweltberichte und die Corporate Social Responsibility Statements im Netz.

* Reduzieren: Lieber ein hochwertiges Stück statt zwei Billig-Teile erstehen.

* Inspizieren: Was steht auf den Labels? Gibt es antibakterielle Ausrüstung (z.B. sanitized, Nanosilber) Oder wird auf Ausrüstung verzichtet (z.B. PFTE-freie Membran)?

* Lieben: Schätzt und pflegt eure Laufbekleidung und lasst sie bei Bedarf auch reparieren.

Dieser Artikel erschien in der Runner’s World September 2013. Ich habe ihn nur leicht aktualisiert. Ergänzen möchte ich ihn durch die folgende Doku “Die Preislüge”, die im Oktober 2013 auf 3sat ausgestrahlt wurde.

4 Kommentare

  1. Pingback: Marke oder Discounter? | laufkater

  2. Danke für den Artikel!

    Hast Du einen Tipp für Laufkleidung: fair gehandelt – nachhaltig produziert – ohne Phantasie-preise?
    Das ist für mich immer das Problem als Verbraucher – Ich will auch fair behandelt werden.

    Ich lese mich gerade in das Thema ein und finde es wirklich ein Zukunftsthema.
    Fair und Nachhaltig soll kein Lifestyle mehr sein sondern die Masse bewegen und einfach eine Selbstverständlichkeit sein – und das ist gar nicht so leicht.

    Viele Grüße,
    Hans

  3. Pingback: Nachhaltige fair gehandelte Laufbekleidung - Laufpause.de

  4. Schafwolle gemischt mit Seide kann ich für Laufhosen oder -shirts sehr empfehlen! Es muss nicht immer Polyester sein.
    Diese Mischung wärmt, auch wenn sie nassgeschwitzt wird.
    Wolle kann ohne Chemie ausgerüstet werden, um das Waschen einfacher zu machen und die beigemischten Seidenfasern erhöhen den Feuchtigkeitstransport und lassen die Textilien schnell trocknen.
    Falls Ihr außerdem noch Wert auf Fertigung in Deutschland und Bio-Qualität legt, dann schaut doch mal hier: http://www.bio-sportkleidung.de

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