The good the bad and the ugly.

Frage 2

Im Jahr 2010 hat das Buch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer eine große Welle ausgelöst. Tier- und Umweltschutz waren plötzlich im Feuilleton angekommen. Und ich packte meine Überforderung anlässlich der moralischen Diskussion in einen Text. Er passt heute gut hierher, denn er zeigt, dass es nicht gelingen kann, wenn man antritt, um mit großer Geste die Welt zu retten. Aber dass es hilft, zu wissen, wer man ist und wer man sein will. Zum Beispiel eine Läuferin pro Umwelt.

Alles hängt mit allem zusammen. Alles, was wir tun, hat eine Bedeutung. Das klingt nach einer tollen Nachricht. Wir sind nicht nur ein Pups im Universum, wir sind Verbraucher. Und Verbraucher haben Macht. Aber Macht bedeutet Verantwortung. Es ist ein bisschen wie bei „Bruce allmächtig“: man kann eine Menge falsch machen. Jeden Tag müssen wir als „mündige Verbraucher“ eine Menge Entscheidungen treffen. Aber die Dinge, die wir kaufen, tragen kein  „richtig“ oder „falsch“ auf dem Etikett, wir müssen uns anderswo informieren.

Und so informieren wir uns. Über die CO2-Belastung durch Nutztierhaltung, die Gefahren von Atomstrom, die Folgen von zuviel Autoverkehr, den Preisdruck durch Discounter, die Verwendung von Tropenholz bei Möbeln, Kinderarbeit bei Modetextilien, die Überfischung der Meere, Schadstoffbelastung in Spielzeug, den Tensidgehalt von Flüssigwaschmitteln, die Umweltschädlichkeit von Skipisten, Tierquälerei in der Massentierhaltung, krebserzeugende Konservierungsmittel in Hautcremes, die Folgen von Flügen für die Umwelt, Acrylamid in Zimtsternen, das große Bäckereisterben, den ökologischen Fußabdruck von Weihnachtsbäumen, unfairen Handel auf Kosten von Entwicklungsländern, Gentechnik, Tierversuche, …..

Ich will ein mündiger Verbraucher sein und ein mündiger Bürger. Ich will auf der richtigen Seite stehen. Aber ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll. Ich versuche Strom und Gas zu sparen, aber die Fenster meiner Mietwohnung sind nicht gut. Wenn ich konsequent wäre, müsste ich ausziehen. In ein Niedrigenergiehaus. Wenn ich konsequent wäre, würde ich keine Ikea-Möbel haben. Es ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht eben ein gerechtes, nachhaltiges Unternehmen. Wenn ich konsequent wäre, hätte ich nichts von H&M im Schrank, denn unter der Produktion von Billigware leiden Menschen und die Umwelt. Wenn ich konsequent wäre, hätte ich auch keine Laufschuhe, die ein halbes Jahr lang streng nach Plastik riechen. Ich versuche Bio-Äpfel zu kaufen, aber ist ein Bio-Apfel aus Argentinien noch Öko? Was ist sinnvoller: Bio-Milch vom Discounter (aus Bayern), oder Milch aus der Region? Ist es überhaupt korrekt, Bio-Ware vom Discounter zu kaufen? Was ist, wenn ich Kalifornischen Weißwein trinke?

Ich spüre die Bürde der Verantwortung auf meinen Schultern. Und je schwerer und je schmerzhafter sie drückt, desto überforderter werde ich. Ich versuche das Richtige zu tun und erfahre morgen, dass es falsch war.

Die Macht des Verbrauchers erscheint mir oft wie eine Farce. Es wird auf den Schultern der Verbraucher etwas abgeladen, was da nicht hingehört. Der Verbraucher soll Politik machen, aber er hat keinen Referenten, der ihm eine Mappe mit Informationen hinhält und es gibt auch kein Fachgremium, das ihn berät. Der Verbraucher soll sich seine Informationen zusammengoogeln und danach eine Entscheidung treffen. Es ist eine Rolle, die die meisten Verbraucher nicht annehmen wollen und man kann es ihnen kaum verübeln. Auch ich habe es manchmal satt, ein mündiger Verbraucher zu sein. Ich versuche gut zu sein und bin doch ein Mensch, der ständig auf Kosten von irgendjemandem oder irgendetwas lebt.

Alles hängt mit allem zusammen. Und das Thema Tierschutz ist für mich nur eines von vielen. Ich weiß nicht, wo die Themen anfangen und wo sie aufhören. Ich habe längst den Überblick verloren. Und jetzt sagen mir Menschen, ich soll mir Filme ansehen, in denen zu sehen ist, wie Tiere gequält werden. Und ich bin schon wütend, wenn ich nur daran denke. Wütend auf die ganze Menschheit, dass sie es so weit hat kommen lassen. Massentierhaltung ist so unwirklich, so irrwitzig, dass man sie nicht begreifen kann. Es ist ungeheuer schwer, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Tierquälerei und einem Stückchen Putenbrust auf dem Teller. Was sollen wir tun? Wo fängt das an, wo hört das auf? Ich weiß es nicht. Ich liebe Fleisch zu essen und ich bin in dem Glauben aufgewachsen, das wäre nichts Unrechtes. Viele Fleischgerichte sind Heimat für mich. Und jetzt?

Menschen, die mir zutiefst unsympathisch sind, erlauben sich, meine Lebensweise zu kritisieren, mich als Mörder zu beschimpfen. „Lieben Sie Tiere?“ geht mich ein Vollidiot in der Fußgängerzone aggressiv von der Seite an und die einzige Antwort, die mir einfallen würde, wäre „Das geht Dich einen feuchten Dreck an.“ Ein paar Meter weiter fordert jemand, dass man sich gegen die Menschenrechtsverletzungen in China einsetzt und zeigt Bilder von verschwundenen Regimekritikern. Und wieder an anderer Stelle prangert jemand an, dass Afrika der vergessene Kontinent sei. Alle fordern, dass man hinsehen soll. Aber keiner gibt zu, dass man durchdreht, wenn man überall hinsieht.

Die einzige Möglichkeit, nicht zu verzweifeln, ist, die Rolle des „mündigen Verbrauchers“ der „die Macht“ hat, nicht länger anzunehmen und sich nicht mehr einzubilden, dass das Wohl der Welt auf den eigenen Schultern ruht. Es ist eine Verantwortung, die kein Mensch tragen kann. Ich kann mich nicht verantwortlich fühlen für die Massentierhaltung und die Qual an Tieren, der Schuh ist zu groß. Ich kann mich auch nicht verantwortlich fühlen für die Abholzung des Regenwalds, weil danach möglicherweise etwas angebaut wird, das ich esse. Ich bin auch nicht verantwortlich für das Schmelzen der Gletscher, weil ich mit dem Flugzeug in Urlaub reise.

Das einzige, was ich tun kann, ist, zu entscheiden, ob ich ein Mensch sein will, der Tiere isst. Ob ich ein Mensch sein will, der McDonalds unterstützt oder wen auch immer. Es ist meine Entscheidung, mit der ich mich vor mir allein verantworten muss. Und wenn ich gläubig bin, vor meinem Gott. Aber niemand hat das Recht, mein Verhalten zu verurteilen und ich verbitte es mir. Es steckt etwas Unehrliches im unentwegten Anprangern von Fleischessern. Die Wahrheit ist, dass man sich gut fühlt, wenn man Gutes tut, und Vegetarier sind sicher der Überzeugung, etwas Gutes zu tun. Bei allem Einsatz für den Tierschutz hat der Verzicht auf Fleisch auch egoistische Motive. Daran ist nichts Verwerfliches. Aber man muss auch den Mut haben, der Tatsache in die Augen zu sehen, dass jeder das tut, was er tun muss, um sich gut zu fühlen.

Ich versuche jeden Tag, mit wachem Verstand und offenem Herzen Entscheidungen zu treffen, die mir helfen, jeden Morgen problemlos in den Spiegel sehen zu können. Ich muss es aushalten lernen, dass nicht jede meiner Entscheidungen moralisch einwandfrei ist. Und dass das, was gestern richtig war, morgen falsch sein kann.

 Titelbild: © VRD – Fotolia.com

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